Link Building auf der Straße

Als ich mir vor etwa 15 Jahren meine erste Internetseite ins Netz stellte (sie ist tatsächlich noch online und lässt sich nicht löschen, daher aus Gründen der Linkhaftung kein Verweis), habe ich mir bereits die ersten Gedanken darüber gemacht, wie ich mehr Besucher auf meine Website locken könnte. Wie viele Leute, die damals einen Computer hatten, experimentierte ich mit Hardware, die man nicht mal eben bei Saturn kaufen kann, aber trotzdem in jedem gut sortierten Elektronikversand erhält. Zwischen Chipkarten- und Magnetkarten-Lese- und Schreibgeräten hatte ich viel Freude an einem Stück Hardware, das man auch heute noch an jeder Supermarktkasse findet: ein Barcodescanner.

Ich dachte mir immer: Wenn WAP nicht so teuer wäre und man Mobiltelefonen einen Barcodescanner verpassen würde, könnte man die Umgebung mit zusätzlichen Informationen anreichern und zum Beispiel einen Passanten auf meine Website lenken. Mangels Realisierbarkeit vergaß ich dieses Thema wieder, bis ich vor etwa drei Jahren mein erstes Android Smartphone in den Händen hielt. Ich schaute mir ein paar Apps im Appstore an und fand: richtig, meinen Barcode Scanner. Das Programm war viel zu langsam und doch scannte ich, wann immer ich gelangweilt im Café saß, meine Umgebung, denn die Barcode-Suche führte häufig zu interessanten Produktinformationen. Bei meinen Mitmenschen stieß das, abgesehen von der Verwunderung über mein neues Interesse an Produktverpackungen, nur auf wenig Verständnis.  Jetzt sind wir wieder ein paar Jahre weiter und mein Barcode taucht plötzlich überall in Form von verpixelten Kästchen als QR-Code wieder auf. Während die Post, die Bahn und die Japaner diese merkwürdig anmutenden Kästen schon länger für sich entdeckt haben, verbreitet sich der QR-Code auch zunehmend auf europäischen Straßen. Auf einem beträchtlichen Teil der in der Stadt anzutreffenden Plakate findet sich heutzutage ein solcher QR-Code, der zu zusätzlichen Informationen oder Angeboten führt. Gefühlt ist das nur noch keinem aufgefallen. Denn obwohl in meiner Umgebung abgesehen von Marko (kauf Dir endlich ein anständiges Telefon) wirklich jeder über ein Smartphone verfügt, gibt es unter den Smartphonenutzern nur relativ wenige, die

a) wissen, was ein QR-Code ist

b) diesen zur Kenntnis nehmen

c) ihr Smartphone zücken um einen Code zu scannen, wenn die Punkte a und b erfüllt sind

Jetzt könnte man sich natürlich die Frage stellen, warum ich einen Artikel zu einem Thema schreibe, von dem ich glaube, dass es derzeit ohnehin keinen interessiert. Die Antwort ist einfach. Mobile-Tagging ist „der neue heiße Scheiß“. Wir brauchen uns dafür eigentlich nur die early adopter nochmal anzusehen: Deutsche Post, Deutsche Bahn, Japaner, Street Art Künstler. Während die beiden Erstgenannten nicht unbedingt wegen Ihrer Innovationsfreude populär sind (was sich nebenbei bemerkt auch zunehmend ändert), kann man aus der Kombination von Japan, Kunst und lieblos umgesetzten Plakaten auf deutschen Straßen durchaus etwas ableiten. Beispielsweise, dass die Menschheit abseits von Japanern und Kunstliebhabern gerade derart mit QR-Codes zugeschüttet wird, bis irgendwann jeder begriffen hat, was man damit so anstellen kann.

Ein wundervolles Beispiel dafür ist der Berliner Künstler Sweza, der die Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpft, was selbst die Tagesschau interessant genug fand, um darüber zu berichten. Neben der Zeitreise können auch auf wundersame Weise die Webseiten anderer gehackt werden, indem man einfach deren QR-Code überklebt (siehe Tagesschau Video). Dies hat sich auch die Agentur Jung von Matt mit ihren Trojanischen QR-Codes zunutzte gemacht.

Möglicherweise ist es für Markting-Leute aber viel interessanter einfach mal die Response-Zahlen der Konkurrenten zu erfassen. Dafür müsste in der Theorie der QR-Code lediglich mit einem bit.ly-URL versehen werden, die dann auf das ursprüngliche Ziel weiterleitet. Das ist unauffällig aber durchaus geeignet, um Informationen über den Erfolg von Konkurrenzkampagnen zu erhalten.

Die Laternenmasten der Kölner Innenstadt sind voller Aufkleber. Das die User-Experience mit einem QR-Code deutlich besser wäre, hat offenbar noch niemand bedacht. Die Kombination mit ortsbasiertem Marketing wie es beispielsweise von foursquare betrieben wird, wäre jedenfalls recht naheliegend. Auch in Hinblick auf NFC lassen sich hier interessante Anwendungsszenarien entwickeln.

Für all jene, die mehr in der Online-Welt zu Hause sind als im „echten“ Leben, habe ich aber auch einen praktischen Einsatzbereich für QR-Codes, der zumindest mir das Leben deutlich vereinfachen würde: Die automatische Integration der Codes in Ausdrucke von Webseiten oder anders ausgedrückt: Ein Link auf meinem Schreibtisch.

Jakob Zogalla 51 posts

Jakob hat Seosweet gegründet und zeichnet sich verantwortlich für die Softwareentwicklung.

3 Kommentare

  • Marko Engelberth (5 Jahren ago) Reply

    Ich mag mein altes Telefon. Außerdem kann ich mich bei den neuen Systemen nicht so richtig entscheiden - will ich ein Smartphone oder einen Tablet-PC. Eigentlich will ich ja beides aber das macht mein Konto nicht mit. Und das alte Telefon ist ein Geschenk von meiner Frau ...

  • Andreas Dittes (5 Jahren ago) Reply

    Auf dem iPhone weiß eh keiner, wie man die QR Codes liest. Daher hab ich auch schnell ne App. Gebaut dafür: http://qrscanner.de

  • [...] mehr mit Tricks nachzuprüfen, ob eine Website tatsächlich zur Verbesserung verändert wurde. Linkbuilding hingegen scheint sich allerdings auch erst verzögert [...]

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