Vom Trinken und Netzwerken – wie man 200 Blogbeiträge übersteht

Früher, als noch alles besser war, lief es ungefähr so ab, wenn man ein erfolgreiches Unternehmen gründen wollte: Man entwickelte in aller Ruhe sein Produkt, zeigte es auf einer Messe und war plötzlich reich. Ist man in der SEO-Branche tätig, gestaltet sich das nicht ganz so einfach, aber man könnte ja immerhin ein Produkt entwickeln und es auf dem SEO-Day zeigen und dann reich sein.

Ich nehme unseren heutigen zweihundertsten Blogbeitrag zum Anlass, meine ganz persönliche Seosweet Story mit euch zu teilen. Es ist keine von übermäßigem Erfolg geprägte Geschichte von Leuten die reich wurden und jetzt nur Party feiern. Diesen Zustand haben wir für später eingeplant, allerdings nicht mit SEO, denn das ist ja bekanntermaßen tot ;-)

Diejenigen unter Euch, die unser Blog nicht nur zum kostenlosen Abgreifen von supergeheimem Spezialwissen missbrauchen, wissen, dass wir schon längere Zeit SEO-Tools bauen.

Wie alles begann

Es muss ungefähr 2006 gewesen sein, als ich Thorsten von rankingCHECK kennenlernte. rankingCHECK beriet damals den vermutlich letzten Arbeitgeber meiner Laufbahn in Sachen SEO. Das Thema klang spannend und wir hatten da eine Menge Aufholbedarf. In der Welt der Suchmaschinenoptimierung gibt es nur wenig, was man richtig machen muss, aber eine Menge Dinge, die man falsch machen kann. Glücklicherweise hatten wir seinerzeit alles falsch gemacht, was zu einer sehr steilen Lernkurve geführt haben dürfte. Kurze Zeit später half ich gelegentlich bei Thorsten aus, wenn es um Softwareentwicklung ging. Man betrieb damals schon einige kleine Tools auf der eigenen Website, die gewartet werden sollten. Das fiel irgendwann in meinen Zuständigkeitsbereich.

Die damals noch überschaubare SEO-Agentur hatte reichlich zu tun und so übernahm ich auch die Erstellung einiger SEO-Konzepte. Im Zuge dessen war Sistrix das Tool der Wahl. Damals war die Arbeit damit eine Qual. Das Tool war schon immer hübsch, aber aus meiner Sicht auch schon immer unbedienbar. Ich sagte damals: „Lass uns ein SEO-Tool bauen, der Kram auf dem Markt ist nicht brauchbar.“ Ich bekam darauf nur die Antwort, dass die Agenturen keinen Bedarf hätten. Sistrix wäre ohnehin Marktführer und es sei zu kompliziert, andere Agenturen von neuen Tools zu überzeugen.

Ende 2008, die Wirtschaftskrise nahm gerade an Fahrt auf, verlor ich meine Festanstellung mit den Worten: „Wir sind sicher, dass Du schnell was Neues findest.“ Ich wollte aber gar nichts Neues finden. Immerhin war ich seit etwa 2005 nebenberuflich selbstständig und Leute, die auf Festanstellungen abfahren, habe ich noch nie verstanden. Ich erfinde meinen Beruf lieber selbst, als für jemanden in Festanstellung zu arbeiten. Meine Kunden litten ohnehin an meiner schlechten Verfügbarkeit. Ich arbeitete noch immer regelmäßig für rankingCHECK und das Tooling-Thema war auch zwei Jahre später für mich noch nicht vom Tisch. Denn die verfügbaren Tools hatten sich kaum geändert. Gewissermaßen könnte man auch sagen: Sistrix ist der wahre Erfinder von Seosweet. Es musste doch möglich sein das besser zu machen. Nun, es ist möglich, aber dafür benötigt man Zeit und Geld. Ich hatte weder das eine noch das andere.

Mitte 2009 begann ich mit der Arbeit an Seosweet. Es sollte die perfekte Ranking-Analyse-Maschine werden und wann immer ich Zeit dazu hatte, baute ich daran herum. Allein. Im Dezember 2009 erfasste das System die ersten Suchmaschinen-Rankings. Anfang des Folgejahres traf ich mich mit Marko, einem Kollegen aus der letzten Festanstellung und erzählte ihm, dass ich vorhabe eine Firma zu gründen. Das GmbH-Recht war gerade um die UG erweitert worden und so war es schnell beschlossene Sache: Wir gründen Seosweet als UG mit den zur Verfügung stehenden Mitteln. Um nicht nach dem Kauf des ersten Kugelschreibers Insolvenz anmelden zu müssen, statteten wir die Firma mit verhältnismäßig viel Stammkapital aus (für eine UG). So wurde im Oktober 2010 die Seosweet UG (haftungsbeschränkt) aus der Taufe gehoben.

Die ersten Schritte sind schwer

Unsere Einlagen hielten natürlich nicht sehr lange, denn Webserver und das kleine Büro wollten bezahlt werden. Umsätze mussten her und so begannen wir damit, kleine Projekte im Auftrag anderer Unternehmen zu realisieren. Das war nicht ganz das, was wir uns vorgestellt hatten. Wir wollten doch ein Produkt und keine Dienstleistung.

Mein Gehalt musste trotzdem irgendwie gezahlt werden, schließlich gibt es ja auch noch so etwas wie Lebenshaltungskosten. Es gibt nicht so viel, das ich richtig gut kann, aber Softwareentwicklung gehört definitiv dazu. So fiel es auch nicht sonderlich schwer, ein paar Projekte zu finden und diese zu realisieren. Durch meine Softwareentwicklungstätigkeit ist unsere Referenzliste mittlerweile ganz nett anzusehen.

So eine Firma produziert unweigerlich eine Menge Kosten. Die Lohnsteuer muss pünktlich bezahlt werden, selbst wenn es für das eigentliche Gehalt dann nicht mehr reicht. Die Serverstruktur zur Verwaltung von aktuell 700.000 Mio. Rankingdatensätzen ist auch nicht ganz billig. Und das Seosweet Blog ist erst recht nicht umsonst. Man macht sich da keine Vorstellung von, aber das hier ist der 200ste Beitrag und er ist ausnahmsweise mal wieder von mir. Die meisten anderen habe ich in Form von 400-Euro-Kräften bezahlt. Zwei Personen á 400 Euro, á 12 Monate. Prost.

Der ursprüngliche Plan dahinter: Gute redaktionelle Arbeit zieht hochwertige Nutzer an. Hochwertige Nutzer interessieren sich evtl. für unsere Produkte und Dienstleistungen. Dummerweise sind diese nicht ansatzweise vernünftig spezifiziert. Wenn mich aktuell jemand fragen würde, was Seosweet anbietet, könnte ich nicht in einem Satz antworten. Wir bauen Tools, aber verkaufen sie nicht, schreiben Konzepte und bieten sie keinem an, stellen etliche interessante APIs bereit, die viele von Euch auf anderen Websites nutzen ohne es zu merken.

Und während wir richtig schöne Tools bauen, sind unsere vertrieblichen Aktivitäten eher amateurhaft. Eigentlich gibt es bei Seosweet keine vertrieblichen Aktivitäten.

Irgendwann kam mir der Gedanke, dass man dies dringend ändern sollte und passenderweise rief Fabian Anfang 2012 an.

Er fragte, ob ich mir vorstellen könnte beim Seoday als Sponsor dabei zu sein. Nach fünf Minuten war klar: Wir machen das. Die Intention war ganz einfach: Wir haben keinen Vertrieb und in der SEO-Szene werden wir eher als Randerscheinung mit erstaunlicher Ausdauer wahrgenommen. Die meisten Toolanbieter verschwinden jedenfalls etwas schneller. Das galt es zu ändern, also von Null auf Hundert in drei Sekunden. Es ist schließlich ziemlich geil, sein eigenes Firmenlogo auf den großen Stadionbildschirmen flackern zu sehen und bestimmt interessiert sich auch irgendjemand für unsere Aktivitäten. Vielleicht will ja der eine oder andere eine internationale Live-Ranking-API (soweit ich weiß, sind wir die Einzigen die so etwas haben), ein Tool, das Charts erstellt, die nie ihre Gültigkeit verlieren, oder einen Texteditor, der schon beim Schreiben der Texte semantische Vorschläge macht.

Ich kam, sah und…

hab verkackt. Für die Vorbereitung des Events hätten wir etwa sechs Monate Zeit gehabt. Klingt nach viel Zeit. Ist es aber nicht, wenn das Kernprodukt noch nicht die volle Marktreife erreicht hat. Gut, „done is better than perfect“, aber Seosweet sollte sich konzeptionell von den anderen Tools insbesondere dadurch unterscheiden, besser zu sein. Sinnvolle Workflows für sinnvolle Analysen. Dieser recht einfache Ansatz steht im krassen Gegensatz zu den meisten Tools da draußen.

Ich erstellte einen kleinen Plan, was man denn am Seoday zeigen könnte. Im wesentlichen Produktfeatures, die ich schon vor Jahren konzeptioniert hatte und auf die man in der Tooling-Branche nach wie vor nicht gekommen ist. Dann fangen wir doch mal mit der Umsetzung an …

Und dann stellte sich mir das Leben in den Weg. Die Tools werfen keine nennenswerten Erlöse ab, also muss mit Auftragsarbeiten für Kohle gesorgt werden. Dann wiederum bleibt aber keine Zeit, die selbst gesteckten Entwicklungsziele zu erreichen. Da beißt sich die Katze dann irgendwann in den Schwanz. Kurz und gut: Wir wurden nicht fertig. Schade eigentlich, ein paar Tausend Euro Sponsoring-Gebühr plus die Tickets und das Ganze dafür, dass der Vertrieb unserer Tools noch immer nicht los geht.

Und, hat sich das gelohnt?

Natürlich hat sich das gelohnt. Denn der Seo-Day war auch ohne unseren Stand ein super Event. Immerhin habe ich jetzt ein Foto mit Captain OnPage und alle drei Aufkleber für mein Notebook. Die kleb ich natürlich nicht drauf, aber ich hab sie :-)

Nach 200 Beiträgen kann man sich natürlich die Frage stellen: Macht es eigentlich noch Sinn, sich weiter innerhalb einer Branche zu bewegen in der man etwas mehr als zwei Jahre erfolglos überlebt hat?

Ich habe in diesem Jahr öfter darüber nachgedacht, ob ich die Tools nicht einfach einstampfe und weiter als gut bezahlter Berater durchs Land reise. Man könnte auch einfach den Code veröffentlichen, um die andere Anbieter zu ärgern, aber was bringt das schon?

Selbst Openseodata war eine Luftnummer. Und das Projekt hatte eine riesen PR. Seit dem Seoday erhält es wieder ein bisschen Aufwind. Ich bin sehr gespannt.

Was Seosweet angeht…

…habe ich natürlich einen Plan. Ich habe dieselbe Motivation wie zu Beginn. Die Tools in dem Bereich sind noch immer nicht ausgereift. Es macht keinen Spaß sie zu bedienen. In der Hinsicht leisten die Kollegen von onpage.org nahezu revolutionäre Arbeit. Wenn die Ihre Webfonts aber nicht bald so einstellen, dass man sie vernünftig lesen kann, kündige ich auch da meinen Account. Lasst Euch das mal auf der Zunge zergehen: Knapp 1200 Euro pro Jahr nicht verdient, weil man die Schrift nicht richtig eingestellt hat.

Ich bin sicher, dass das Thema Tooling noch nicht ansatzweise ausgereizt ist. Jeder scheint damit beschäftigt zu sein tolle, neue Kennzahlen ohne Aussagekraft zu erfinden. Wir haben gefühlte 3 Mio. Tools zur Ranking-Analyse, aber keiner kümmert sich darum, einen SEO-Optimierten Redaktionsworkflow zu schaffen. Wir haben zwei Dutzend Link-Analyse Tools die alle die Daten von Seokicks abgreifen, aber kein Toolanbieter kann mir die korrekte Anzahl der Facebook-Likes über alle Seiten meiner Domain geben. Insofern ist auch für Seosweet noch reichlich Platz auf dem Markt.

Ich kann ruhigen Gewissens sagen, dass die Konzepte, die ich 2008 zu dem Thema verfasst habe, noch immer in vielen Bereichen das übertreffen, was wir aktuell auf dem Markt vorfinden. Es wird integrierter und wahrscheinlich wird es nützlicher. Insofern bin ich recht zuversichtlich für einen erfolgreichen Vertriebsstart in 2013.

Jakob Zogalla 51 posts

Jakob hat Seosweet gegründet und zeichnet sich verantwortlich für die Softwareentwicklung.

2 Kommentare

  • Markus (4 Jahren ago) Reply

    Sehr geiler Beitrag! Was ich mich nur frage: Warum machst Du dann nicht mal ein Tool fertig und versuchst zumindest dieses zu vermarkten?
    Es ist definitiv so dass in jedem Bereich der Toolbranche Lücken vorhanden sind, sonst hätte onpage.org beispielsweise nicht den schnellen Erfolg oder Linkbutler im Bereich Linkmanagement oder Keywordmonitor im Bereich Rankingüberwachung.
    Wenn Du gute Ansätze hast, würde ich die doch einfach mal auf den Punkt bringen. Hast ja anscheinend Ahnung in diesem Bereich.
    Deine Selbstironie ist übrigens klasse, selten so einen langen Blogartikel komplett zu Ende gelesen :)

  • Jakob Zogalla (4 Jahren ago) Reply

    @Markus
    Danke für das Lob. Ich denke gute Ansätze sind nur schlecht zu vermarkten. Ich glaube es ist besser, wenn die Leute sagen: "Der Zogalla hat mal versucht ein Tool zu bauen, wurde leider nichts, schade", als wenn sie sagen: Der Zogalla hat gesagt, die Seo-Tools auf dem Markt sind kacke und hat dann was veröffentlicht, dass auch nicht besser ist.

    Ich versuche die Dinge Konsequent zu durchdringen. Das macht einen leider langsam, wenn man Geld verdienen muss. Time-To-Market ist sicherlich ein großes Thema. Gerade in diesem Bereich. Allerdings ist die Innovationskurve meiner Konkurrenten nicht sonderlich steil, insofern besteht durchaus noch Hoffnung für 2013 ;-)

    Und wenn nicht, dann denk ich mir eben was neues aus. Was soll´s das Leben ist kein Ponyhof und die Erfahrungen die ich mit dem Experiment Seosweet gemacht habe sind nicht mit Geld aufzuwiegen.

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