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Verlorene Visionen: Wie wichtig ist Google die organische Suche?

Nachdem ich mich in meinem letzten Blogartikel ein bisschen über verfrühte Jahresprognosen 2014 ausgelassen habe, mache ich heute mal so etwas Ähnliches. Allerdings nicht unbedingt frei nach dem Motto: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“. Erstens ist es mittlerweile schon Dezember, und zweitens liefere ich gar keine Prognose für 2014, sondern vielmehr eine kleine philosophische Abhandlung über den Ist-Zustand und die mögliche Entwicklung von Google. Nicht im Detail, sondern eher strategisch.

Die Zukunft der Google Suche

Google vs. Bing, Quelle: http://owlturd.com/

Bereits im April hatte ich einen Artikel über die Zukunft der Google Suche geschrieben. Darin ging es vor allem darum, wie die Google Suche immer weiter fragmentiert wird, durch diverse Einflüsse wie Personalisierung, local search, mobile und so weiter. Ich hatte und habe nach wie vor das Gefühl, dass Google davon abrückt, die objektiv besten Ergebnisse liefern zu wollen und sein eigentliches Hauptprodukt (die Suche) eher stiefmütterlich behandelt. So habe ich gelegentlich den Eindruck, dass die Anzeige der Autorenbilder vor allem eingeführt wurde, um Google+ zum Durchbruch zu verhelfen. Die Suche als Einstiegshilfe für ein Produkt, von dem man nicht weiß, was mal aus ihm werden soll? Möglich ist das.

Danny Sullivan über Google Wortbrüche

Ich war in meinem Artikel im April schon ein wenig pessimistisch, was die Qualität der richtigen, organischen Suche angeht. Meiner Meinung nach ist Google bei seinem wichtigsten Produkt ein wenig die Philosophie verloren gegangen und auch strategisch haben sich möglicherweise die Prioritäten verschoben. Ich schrieb damals, dass sich Google darüber klar werden solle: „Ist man ein Dienstleister, der sich mit Werbung finanziert oder ist man ein Werbeauslieferer der im weitesten Sinne mit seiner Suche, Mail etc.Content Marketing betreibt?“

Nun ist es kein Geheimnis mehr, dass sich Googles Fokus von der einst idealistischen don’t-be-evil-Suche hin zum großen Geld gedreht hat. Die eigene beherrschende Marktposition wird an zahlreichen Stellen eingesetzt.

Vor kurzem erschien ein Artikel von Danny Sullivan auf marketingland.com, in dem er offensichtliche Mängel in der Strategie und Philosophie von Google in Bezug auf die (organische) Suche kritisiert und offenlegt.

Dabei bezieht er sich vor allem auf zwei „Broken Promises“ von Google. Der erste Wortbruch war derjenige, dass Shopping Ergebnisse nur dann gut sind, wenn man nicht bezahlen muss, um gelistet zu werden, und dass Google das beste Angebot schaffen will (für den User). Bekanntlich hat Google die Shopping Suche auf ein Bezahlmodell umgestellt.

Der zweite Wortbruch, den er thematisiert, hat erst kürzlich für Furore gesorgt. Banner Werbung auf Suchergebnisseiten war für lange Zeit ein No-Go für Google. Genauer gesagt gehörte es zur Grundidee von Google, dass eine gute Suchmaschine solche Anzeigen überflüssig machen würde, da der User direkt findet, was er sucht. 1998 schrieben Sergey Brin und Larry Page dazu:

„For example, we noticed a major search engine would not return a large airline’s homepage when the airline’s name was given as a query. It so happened that the airline had placed an expensive ad, linked to the query that was its name. A better search engine would not have required this ad, and possibly resulted in the loss of the revenue from the airline to the search engine.“

In diesem Zusammenhang ist es natürlich schon ein bisschen witzig, dass zu den getesteten Bannern ausgerechnet das einer Airline gehörte:

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Google testet Bannerwerbung in den SERPs, Quelle: searchengineland.com

Danny kritisiert gar nicht so sehr, dass diese Versprechen gebrochen wurden. Es mag unter Umständen gute Gründe geben, vereinzelt solche Banner einzublenden. Im Beispiel ist es sicherlich kein Nachteil für den User, da die Anzeige ja genau das zeigt, was er sucht.  Das Problem ist die weitgehend unkommentierte und nicht diskutierte Abkehr von alten Visionen, von Ansichten von dem, was eine gute Suche ausmacht. Man kann alte Visionen durch neue ablösen, man kann Dinge, die man einst gesagt hat, relativieren und revidieren. Das sollte man dann aber in einer ähnlich öffentlichen Form darstellen, wie es mit der alten Vision geschehen ist. Wenn das nicht passiert bietet sich Raum für Spekulationen. So könnte es Google peinlich sein, dass man von den alten Versprechen abweicht, oder aber man hat gar keine Vision für die Suche mehr, was ebenfalls erklären würde, warum das nicht an die große Glocke gehängt wird.

Wer führt die Google Suche?

Google ist ein gewinnorientiertes Unternehmen und keine Weltverbesserungsorganisation. Daher ist es nur natürlich, dass die idealistische Philosophie der Google Gründer aufgegeben wurde. Aber was ist die neue Philosophie? Welchen Stellenwert hat die Suche noch im Google Universum? Wie relevant ist es noch, objektiv gute Informationen zu finden? Das Hummingbird Update und der Schritt in Richtung semantisches Web zeigen, dass man nach wie vor an einer Verbesserung der Suchfunktion interessiert ist (was man als Qualität bezeichnet steht auf einem anderen Blatt). Aber richtet sich in Zukunft die Suche an den Werbemöglichkeiten aus oder andersherum?

Danny heizt diese Fragen an, indem er auf das zumindest nach außen diffuse Management in Bezug auf die Suche eingeht. Es scheint niemand so richtig und allein für die Suche zuständig zu sein, während die anderen Bereiche klar geregelt sind. Das kann, muss aber nicht, auf einen Bedeutungsverlust des zentralen Googleprodukts hinweisen. Danny spekuliert, dass sich hinter dem Bereich „Knowledge“ auch die Suche verbirgt (der Kolibri lässt grüßen). In diesem Fall wäre dann Alan Eustace zuständig.

Ich persönliche finde, dass die ganze Geschichte mit der Authorship und den Autorenbildern in der Suche den unklaren Weg Googles ganz gut beschreibt.

Wie nicht anders zu vermuten, kommentiert Google solche Mutmaßungen nicht. So wie sie viel von dem was sie tun unkommentiert lassen.

Wie geht Google mit seiner Suche um?

Die Google Suche ist ob ihrer marktbeherrschenden Position von erheblicher gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Relevanz, unzählige Interessen hängen davon ab. Daher ist es wichtig, sich mit dem Thema zu befassen, auch wenn es mir normalerweise egal ist, wie eine Firma mit ihrem Produkt umgeht. Außerdem fehlt der Druck von einem Konkurrenten, sodass dieser irgendwo anders herkommen muss.

Zum Schluss zitiere ich noch einmal Danny Sullivan:

„Perhaps the Google that builds search through fuzzy management also no longer feels the need to explain some of its decisions as it once did. But to me, that’s a part of the old Google that should continue to operate.

It might not make good PR in the short-term, to explain your reversals, to explain why you make the admittedly hard-decisions. But that’s good PR in the long-term, to ensure the trust you’ve built with users over time isn’t allowed to slowly erode.“

 (Titelbild:© silver-john – Fotolia.com)

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3 Kommentare

  • […] Entwicklungen von Google. Dabei geht er nicht ins Detail, sondern viel mehr strategisch vor: „Verlorene Visionen: Wie wichtig ist Google die organische Suche?“ Er nimmt Bezug auf den kürzlich erschienen Beitrag von Danny Sullivan, welcher die Mängel in […]

  • Karolin Bierbrauer (4 Jahren ago) Reply

    Also ich finde teilweise die Dinge in dem Artikel etwas zu pessimistisch dargestellt. Google vernachlässigt die Suche überhaupt nicht, im Gegenteil, die Suchmaschinen versuchen die schwarzen Schafe rauszufiltern, und das zu recht.
    Und wenn ich "virgin america" in die Suche eingebe, erhalte ich keinen Banner. Habe sowas auch noch nie gesehen. Erscheint mir auch ein wenig komisch, auch wenn searchengineland.com eigentlich eine kompetente Seite ist.

  • David Linden (4 Jahren ago) Reply

    Hallo Karolin,

    Dass Google versucht, wie du sagst "schwarze Schafe" herauszufiltern wird im Artikel ja gar nicht in Frage gestellt. Vielmehr ging es darum, den Stellenwert des Produkts "Suche" anhand Googles ursprünglicher Idee einzuordnen. Und da zeigt sich bisweilen, dass sich die Qualität der Suche (gemessen an Googles eigenen Maßstäben) kommerziellen Interessen unterordnen muss, dass sich also der Mittelpunkt verschiebt. Das Problem ist vor allem, das alte Versprechen dadurch gebrochen werden, aber Veränderungen in der Ausrichtung kaum noch kommuniziert werden, was ebenfalls eine Abkehr von ursprünglichen Prinzipien bedeutet.
    Die Sache mit den Bannern war damals ja auch nur ein Test (der dazu auch noch nur in den USA stattfand) und hat es offenbar bisher nicht ins Endprodukt geschafft. Google macht solche Tests ständig, vieles davon wird dann nie wieder gesehen. Aber es ist trotzdem wichtig darüber zu berichten, denn nur so kann man erahnen was Google gerade so macht und in welche Richtung es gehen könnte.

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